Fasten aus Sicht eines Imams

Wie erlebst du das Fasten im Ramadan – persönlich und in deiner Verantwortung als Imam?
Ramadan ist für mich immer zweifach: persönlich und pastoral. Persönlich ist er eine Zeit der inneren Reinigung. Das Fasten – so wie es im Qur’an beschrieben wird (vgl. Koran 2:183) – ist kein bloßer Nahrungsverzicht, sondern ein Training der Gottesbewusstheit. Ich merke jedes Jahr neu, wie sehr mich der Verzicht entschleunigt und sensibler macht – für Worte, für Gedanken, für Verantwortung.
Als Imam trägt man im Ramadan jedoch eine besondere Verantwortung. Die Moschee wird voller, die Fragen intensiver, die Herzen offener. Ich begleite Menschen seelsorglich, halte Vorträge, leite Gebete – und versuche zugleich, selbst nicht nur „zu funktionieren“, sondern spirituell präsent zu bleiben.
Ramadan erinnert mich daran: Ich bin nicht nur Lehrer – ich bin selbst Lernender vor Allah.
Was nährt deine Seele in einer Zeit, in der der Körper verzichtet? Was trägt dich in dieser besonderen Zeit?
Was die Seele nährt, ist Nähe.
Der Hunger macht mich durchlässiger. Das Gebet in der Nacht, das bewusste Rezitieren des Qur’an, das gemeinsame Fastenbrechen – all das schafft eine Intensität, die im Alltag oft verloren geht. Mich trägt besonders das Gefühl der weltweiten Verbundenheit: Millionen Menschen fasten gleichzeitig – vom Kind bis zum alten Menschen. Diese gemeinsame Ausrichtung ist etwas zutiefst Bewegendes. Und paradoxerweise erfährt man im Verzicht Fülle. Wenn der Körper weniger bekommt, beginnt die Seele deutlicher zu sprechen.
Erinnerst du dich noch an dein erstes bewusstes Fasten im Ramadan?
Ja. Ich erinnere mich nicht nur an den Hunger – sondern an den Stolz. Es war dieses Gefühl: Jetzt darf ich dazugehören. Jetzt nehme ich bewusst teil. Ramadan prägt Kinder nicht durch Zwang, sondern durch Atmosphäre – durch Lichter, Gebete, gemeinsames Essen, besondere Nächte. Das erste bewusste Fasten ist oft weniger eine körperliche Leistung als ein emotionaler Schritt ins religiöse Erwachsenwerden.
Wie begegnest du der Kritik am Fasten von Kindern?
Hier ist Differenzierung wichtig. Im Islam ist das Fasten erst mit der religiösen Mündigkeit verpflichtend. Kinder sind nicht verpflichtet. Punkt. Wenn Kinder fasten, dann meist freiwillig, oft stundenweise, manchmal symbolisch. Aus seelsorglicher Sicht sage ich Eltern klar: Gesundheit steht über allem. Der Prophet Muhammad hat Religion nie als Überforderung verstanden. Kritische Fragen nehme ich ernst. Aber ich erkläre auch: Religiöse Praxis ist nicht automatisch eine Kindeswohlgefährdung. Viele Kinder erleben Ramadan als etwas Schönes, Identitätsstiftendes und Gemeinschaftliches. Was problematisch wäre, ist Zwang oder gesundheitliche Gefährdung. Das lehne ich klar ab.
Wie wird der Fastenmonat in deinem eigenen Zuhause lebendig?
Ramadan beginnt zu Hause. Bei uns heißt das: gemeinsam essen, gemeinsam beten, Qur’an lesen, Gespräche führen. Auch Müdigkeit gehört dazu – und manchmal Reibung.
Es ist aber auch eine besondere Atmosphäre: weniger Fernsehen, mehr Gespräche, bewusster Umgang mit Zeit. Selbst einfache Dinge wie das gemeinsame Warten auf den Gebetsruf zum Fastenbrechen schaffen Nähe. Ramadan ist kein perfekter Monat – sondern ein echter.
Wenn ich auf unsere christliche Fastenzeit blicke, entdecke ich Parallelen und auch Unterschiede. Wo siehst du verbindende Elemente, und was könnten wir voneinander lernen?
Ich sehe eine gemeinsame Grundidee in beiden Religionen: Reduktion, Besinnung, innere Reinigung vor einem großen Fest.
Im Christentum führt die Fastenzeit zu Ostern, im Islam führt Ramadan zum Fest des Fastenbrechens. Beide Traditionen kennen Verzicht als spirituelles Mittel. Ein Unterschied ist die Form: Das islamische Fasten ist klar strukturiert – von Morgendämmerung bis Sonnenuntergang – und kollektiv sehr sichtbar. Die christliche Praxis ist individueller geworden.
Was wir voneinander lernen können? Vielleicht dies: Muslime können von der theologischen Tiefenreflexion der christlichen Tradition profitieren. Christen können erleben, wie stark gemeinschaftliches Fasten eine Gesellschaft prägen kann. Beide Religionen erinnern unsere säkulare Welt daran: Der Mensch lebt nicht vom Konsum allein.
Zur Person: Fikret Fazlic ist islamischer Religionslehrer und Imam im Islamischen Kulturzentrum Graz
Interview: Johanna Walcher